Teilprojekt 1: Areale Differenzen in Situalekten und Sprachlagenspektren

Kontaktinformationen und Mitarbeiterlisten der beteiligten Standorte: Frankfurt (Oder) und Kiel

Im Folgenden finden Sie eine kurze Übersicht der Untersuchungen, welche von den Projektstandorten Frankfurt (Oder) und Kiel im Rahmen des Teilprojekts 1 "Areale Differenzen in Situalekten und Sprachlagenspektren" durchgeführt werden.

Untersuchungsgegenstand Analyse: Kaffe statt Kaffee Analyse: Assimilation von -nd- Norddeutscher Sprachatlas

Untersuchungsgegenstand

Im Teilprojekt 1 wird in der zweiten Phase des SiN-Projekts in enger Zusammenarbeit der Projektstandorte Kiel und Frankfurt der sprachliche Unterschied zwischen den einzelnen norddeutschen Regionen unter die Lupe genommen. Dabei konzentrieren sich die Mitarbeiter in Kiel auf jene Daten, die wahrscheinlich mehr mundartliche Merkmale beinhalten. Dies umfasst die Sprachaufnahmen, bei denen sich die insgesamt 144 Gewährsfrauen im ungezwungenen Familiengespräch befanden, ohne nähere Vorgaben zu einem beliebigen Thema etwas erzählten oder Wenkersätze in ihren Dialekt übersetzen mussten. In diesen eher informellen Situationen wird zumeist nur wenig Wert auf ein standardnahes Hochdeutsch gelegt oder sogar Niederdeutsch gesprochen.

Die Frankfurter Wissenschaftler bearbeiten dagegen die Aufnahmen, bei denen sich die Sprecherinnen wahrscheinlich stärker am Standarddeutschen orientierten. Dazu gehören die Aufnahmen von vorgelesenen Texten und das recht formell geführte Interview. Dabei ist von Interesse, wie sehr die niederdeutschen Dialekte sich dem Standarddeutschen annähern. Umgekehrt wird untersucht, welche Merkmale aus den Dialekten auch dann noch in der Sprache der Gewährspersonen zu finden sind, wenn diese eigentlich beabsichtigen, Standarddeutsch zu sprechen.

Neben den erwarteten regionalen Unterschieden zwischen den 18 Regionen, die untersucht werden, soll auch der Variantengebrauch in unterschiedlichen Sprechsituationen überprüft werden.

Standarddeutsche Einflüsse in den Dialekten treten auf allen sprachlichen Ebenen auf. Einzelne Laute können ebenso ihren Ursprung in der Standardsprache haben wie wiederkehrende Teile von Wörtern oder ganze Wörter. Ein Laut, der sich aus dem Hochdeutschen in das Niederdeutsche „eingeschlichen“ hat, ist beispielsweise das b, welches in vielen Fällen das ursprüngliche v oder f in den Dialekten ersetzt hat (etwa drieben statt drieven, ‚treiben’). Ein anderes Beispiel ist das hochdeutsche Perfekt-Präfix ge-, das vermehrt im Niederdeutschen auftaucht (z.B. Ik heff geslapen anstelle von Ik heff slapen).

Genauso können allerdings auch verschiedene niederdeutsche Elemente Einzug in die hochdeutsche Umgangssprache gehalten haben. So ist es nicht selten, dass auch bei standardsprachlich geführten Gesprächen einzelne Wörter wie dat, wat, ick oder Kopp in dialektaler Aussprache verwendet werden oder dass Vokale in hochdeutschen Wörtern so klingen, als redete der Sprecher gerade Niederdeutsch. Beispiele sind hier eine „dunklere“ Aussprache des langen a und die Tendenz, ein langes o als Diphthong zu realisieren. (Wou ist der Wågen? Ich will lous.)

Dabei steht genauso die Art und Weise der Veränderung im Blickpunkt wie auch die Zusammenhänge und Umgebungen, in welchen diese Entwicklungen in den Dialekten sowie den hochdeutschen Umgangssprachen stattfinden. Unterschiedliche Sprechsituationen führen zu unterschiedlichen Sprachlagen und Stilebenen. Es wird also geprüft, welche dialekt- oder standardsprachlichen Merkmale von den Gewährsfrauen in den verschiedenen Situationen angewendet werden.

Für die auf 24 Monate angelegte Untersuchung werden aus den Sprachaufnahmen der 144 Gewährsfrauen zahlreiche sprachliche Merkmale im Bereich der Aussprache und auf der Wort- und Satzebene intensiv bearbeitet und verglichen, um die angestrebten Ergebnisse zu erreichen. Die Ergebnisse des Teilprojektes 1 sollen schließlich unter Mitarbeit einer Kartografin aufbereitet und veröffentlicht werden. Geplant ist ein zweibändiger Sprachatlas, der Sprachkarten, Kommentare sowie einige Aufsätze zu verschiedenen Themen der aktuellen Sprachsituation und Sprachwandelprozesse im norddeutschen Raum enthalten soll.

Kaffe statt Kaffee

Erstsilbenbetonung und Schwa (Káffe) statt Vollvokal in der Endsilbe (Káffee, Kaffée)

Karte Kaffee

Die Karte zeigt die areale Verteilung der Variante mit Betonung von Káffee auf der ersten Silbe und Realisierung des auslautenden Vokals als Schwa-Laut (Murmelvokal) [ǝ] ['kafǝ]. Diese standarddivergente Realisierung kommt im gesamten norddeutschen Raum im Tischgespräch in 56 von 265 Belegen (21,1 %) und im Interview in 10 von 38 Belegen (26,3 %) vor. Die höchsten Anteile lassen sich im Norden (Dithmarschen und Holstein) sowie im Osten (Mecklenburg-Vorpommern, Mittelpommern, Nord- und Südbrandenburg) und in Nordostfalen feststellen. Dialektwörterbücher aus diesen Regionen zeigen, dass diese Variante neben Káffee und Koffie/-Koffje auch in den Basisdialekten im Gebrauch ist. Hier bringt sich also eine Eigenart der niederdeutschen Basisdialekte auch in der hochdeutschen Regionalsprache zur Geltung. Im Westen des norddeutschen Raumes kommt die Schwa-Realisierung kaum vor. In der Forschung gab es bislang keine Ergebnisse zur Realisierung des auslautenden Vokals in Káffee, kartiert wurden nur die standardsprachlichen Betonungsvarianten, d.h. die Erstsilbenbetonung mit Vollvokal im Auslaut ['kafe] gegenüber der Zweitsilbenbetonung mit langem Vollvokal im Auslaut [ka'fe:].

Assimilation von -nd-

Karte Assimilation von -nd-

Die Assimilation von inlautendem -nd- (Kinder > Kinner, anders > anners) ist eine in weiten Teilen des niederdeutschen Sprachraums verbreitete Lauterscheinung. Die Karte zeigt diese Verbreitung im arealen und diachronen Vergleich. Jeweils das linke Symbol gibt den prozentualen Anteil assimilierter Formen in den Wörtern 'Kindereien' und 'anders/andere' in den historischen Wenkerbögen von 1880 an (belegt durch Schreibungen wie Kinnerien, Kinnerkram, anners usw.). Jeweils das rechte Symbol verweist auf die Realisierungen dieser Referenzwörter in den Aufnahmen des SiN-Projekts (2007-2010).

Das Kartenbild zeigt, dass die assimilierte Aussprache vor allem im gesamten Norden (Schleswig, Dithmarschen, Holstein, Nordhannover) und Nordosten (Mecklenburg-Vorpommern, Mittelpommern, Nordbrandenburg) sowie im emsländisch-oldenburgischen Raum dominiert (meist 90-100%). In Westfalen, im Münsterland, in Nordostfalen und Ostfriesland liegen die Werte teils nur zwischen 30 und 80 %. Am seltensten (0-20%) treten die Assimilierungsvarianten am Niederrhein, in Südostfalen und Süd- und Mittelbrandenburg auf. Hier wird meist die standardkonforme Form bzw. [nd] gebraucht. Ausnahmen bilden die Orte Oedt und Bracht am südlichen Niederrhein, wo statt der assimilierten [n]-Aussprache die Variante [ŋ] verbreitet ist ("rheinische Gutturalisierung"), wie in angere 'andere' und Kenger 'Kinder'. Im Vergleich der historischen Wenkerbögen mit den modernen Aufnahmen kann konstatiert werden, dass der traditionelle basisdialektale Lautstand bei diesem Merkmal weitgehend bewahrt geblieben ist. In den Regionen mit starker Dominanz der Graphie in den Wenkerbögen dominieren auch heute noch die assimilierten Formen.

Ein bemerkenswerter Wandel ist hingegen auf der lexikalischen Ebene festzustellen. Während in den historischen Wenkerbögen das Vorgabewort 'Kindereien' zu 83,7% durch ein entsprechendes Derivatum wiedergegeben wird (Kinnerie, Kinneree, Kengerei, Kinderie, Kinneriggen usw.), zu 11,0% durch ein Kinder-Kompositum (Kinnerkram, Kingerdinge, Kinderspil, Kinnerspill, Kinnastreich, Kinderwark) und nur gelegentlich (5,3%) durch andere Synonyme (Alwere, Blagerien, Dummhede, Weiterein), werden in den modernen Wenkeraufnahmen etwa fünfmal so häufig (25,0%) andere Synonyme gebraucht (Albereien, Blagerien, Blagekroom, Blödsinn, Dummheiten, Firlefanz, Kinkerlitzkes, Quatz, Schawelunder, Speelkes, Spijöök, Spijökenkraam, Tüdlein, Tütenkroom), zu 19,1% Kinder-Komposita (Kinnerkram, Kinderquatz, Kinnerspeel, Kindertüüch) und nur noch zu 55,9% die strukturanalogen Derivata. Hier zeigt sich eine auch in anderen Bereichen beobachtbare Tendenz zu einer betont umgangssprachlichen Ausdrucksweise, ein Bemühen um Dissimilation gegenüber dem Standarddeutschen, was als Indiz für eine Umwertung des Dialekts von einer selbstverständlich gebrauchten, unmarkierten Alltagsvarietät zu einer stilistisch markierten, mit dem norddeutschen Hochdeutsch kontrastierenden Varietät gedeutet werden könnte.

Norddeutscher Sprachatlas

Im Jahr 2015 wurde der erste Band des Norddeutschen Sprachatlas (NOSA I) für die regiolektalen Sprachlagen in der Reihe "Deutsche Dialektgeographie" im Georg Olms Verlag Hildesheim veröffentlicht: Norddeutscher Sprachatlas im Georg Olms Verlag

Elmentaler, Michael / Rosenberg, Peter (2015): Norddeutscher Sprachatlas (NOSA). Band 1: Regiolektale Sprachlagen. Unter Mitarbeit von Liv Andresen, Klaas-Hinrich Ehlers, Kristin Eichhorn, Robert Langhanke, Hannah Reuter, Claudia Scharioth und Viola Wilcken; Kartografie, Layout und Satz: Ulrike Schwedler (Forschungsprojekt "Sprachvariation in Norddeutschland (SiN)", herausgegeben von Michael Elmentaler, Joachim Gessinger, Jürgen Macha (†), Peter Rosenberg, Ingrid Schröder und Jan Wirrer). Hildesheim/Zürich/New York. (Deutsche Dialektgeographie 113.1).


Foto/Copyright: Frank Schwedler


Foto/Copyright: Claudia Eulitz, CAU