Aufgaben und Ziele

Eine Neuvermessung des variativen sprachlichen Spektrums in Norddeutschland, wie sie im Projekt "Sprachvariation in Norddeutschland" angestrebt wird, zielt unter anderem darauf ab, individuelle standardsprachlich-dialektale Kontaktmuster zu beschreiben. Deshalb wird am Standort Hamburg das individuelle Sprechen der Gewährsfrauen in den Mittelpunkt gerückt und ihr persönliches Sprachrepertoire untersucht. An zentraler Stelle steht bei den Analysen die Nutzung dieses individuellen Repertoires durch die Sprecherin in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation (intersituative Variation).

Sprechen die befragten Frauen in verschiedenen Situationen, beispielsweise im Gespräch mit der Familie, beim Vorlesen eines Textes oder im Interview mit einer Mitarbeiterin/einem Mitarbeiter der Universität unterschiedlich?
In welcher Situation verwenden sie eine standardnahe Sprachform, in welcher Situation den Dialekt? Von welchen Faktoren ist die Wahl der Sprachform abhängig? In welcher Weise treten hochdeutsch-niederdeutsche Mischungen in den einzelnen Situationen auf?

Die strukturelle Ausformung des Repertoires der einzelnen Sprecherinnen wird erfasst, indem die auftretenden Sprachkontaktphänomene auf unterschiedlichen linguistischen Ebenen (phonologisch, morphologisch, syntaktisch und lexikalisch) untersucht werden. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse aus den anderen Teilprojekten - insbesondere der Variablenanalyse aus Teilprojekt 1 und der Analyse der biographischen Daten aus Teilprojekt 4 - sollen individuelle Sprecherinnenprofile erstellt werden.

Untersuchungsgrundlage

Für die Analysen am Standort Hamburg wurde aus jeder im Projekt vertretenen Region ein Ort ausgewählt. Insgesamt werden somit Aufnahmen von 72 Gewährsfrauen ausgewertet. Bei der Auswahl der Untersuchungsorte wurde darauf geachtet, dass möglichst Aufnahmen von Frauen mit und ohne Dialektkompetenz vorliegen.

Karte Analysierte Orte

Methode und Vorgehen

1. Dialektalitätsmessung

Zur Untersuchung der phonologischen Ebene wird in Hamburg das Verfahren der Dialektalitäts- bzw. Abstandsmessung (nach Herrgen und Schmidt) angewendet. Mit diesem Verfahren wird der phonetische Abstand einer Sprachprobe zur hochdeutschen Standardsprache gemessen. Die Ergebnisse geben Auskunft darüber, in welchem Maße die Standardsprache der Gewährsfrauen regional beeinflusst ist und von welcher Art die Einflüsse sind. Die Ergebnisse der Variablenanalyse, die von den Standorten Kiel und Frankfurt durchgeführt wird, ergänzen die Erkenntnisse über das individuelle Sprechen der Gewährsfrauen im Bereich der Phonologie.

2. Annotation Interferenzen

Die Ebenen der Lexik, Morphologie und Syntax werden zunächst mit Hilfe einer Interferenzanalyse untersucht. Bei diesem Verfahren werden in den hochdeutschen Settings (Interview, ggf. Tischgespräch) die niederdeutschen Interferenzen annotiert und in den niederdeutschen Settings (ggf. Tischgespräch, Erzählung, Wenkersätze) hochdeutsche Interferenzen. So können sowohl individuelle Mischungen als auch die wechselseitigen Einflüsse der beiden Sprachsysteme aufeinander untersucht werden.

Unter den Begriff der Interferenz fallen durch Sprachkontakt bewirkte Phänomene bzw. Abweichungen im Sprachgebrauch oder Sprachsystem. Es lassen sich zum Beispiel Übernahmen aus dem Niederdeutschen in das Hochdeutsche finden:

„Ich schnacke mit ihr.“ [lexikalische Übernahme]
„Da nicht für!“ [Trennung des Pronominaladverbs „dafür“]

Umgekehrt können auch hochdeutsche Strukturen oder Wörter im Niederdeutschen etabliert werden:

„Dat is ‘n beten schwierig“ [lexikalische Übernahme, Alternativen für „schwierig“ wären beispielsweise „swoor“ oder „vertrackt“]

3. Annotation Dialekttiefe

Zusätzlich zur Interferenzanalyse werden auch Annotationen vorgenommen, die einer Analyse der Dialekttiefe dienen sollen. Dadurch soll herausgefunden werden, wie stark der Dialekt einer Person von der Standardsprache abweicht. Denn auch innerhalb des Niederdeutschen gibt es Variationsspielräume, wie die unten stehenden Beispiele zeigen.

Standarddivergenzen

4. Annotation Isomorphien

Gleichzeitig werden auch isomorphe Formen annotiert. Darunter werden solche Lexeme verstanden, bei denen eine strukturelle Gleichheit vorliegt. Isomorphe Formen kommen also im Niederdeutschen und im Hochdeutschen vor und sind gleichlautend. Beispiele sind „so“, „womit“, „doch“, aber auch „Eier“, „Winter“ oder „klauen“. Sie können Aufschluss darüber geben, auf welche Art die Sprecherinnen Übergänge zwischen beiden Sprachsystemen realisieren.

5. Technische Umsetzung

Zur Annotation der Interferenzen, der Dialekttiefe und der Isomorphien wurde ein hierarchisch aufgebautes Tag-Set entwickelt. Nach diesem werden im EXMARaLDA Partitur Editor die Settings Interview, Tischgespräch, Dialekterzählung und Dialektübersetzung (Wenkersätze) annotiert.

Annotierte Partitur

 

Alle annotierten Phänomene lassen sich zur abschließenden Auswertung schließlich als Konkordanzen listenweise zusammenstellen.

Exemplarische Analysen

1. Dialektalitätsmessung

D-Wert

Die Grafik zeigt exemplarisch die Dialektalitätswerte (D-Werte) von zwei Sprecherinnen aus dem Ort Heeslingen/Nordhannover für die Settings Vorlesetext, Interview und Tischgespräch. HEE01 ist niederdeutschkompetent und spricht im Tischgespräch Niederdeutsch, weshalb dieses nicht gemessen wurde. Im Vorlesetext weist diese Sprecherin einen Wert von 0,20 auf, im Interview ist der Wert mit 0,32 ein wenig höher. HEE02 weist im Vorlesetext ebenfalls einen Wert von 0,2 und im Interview einen Wert von 0,39 auf. Da HEE02 kein Niederdeutsch sprechen kann, wird auch das Tischgespräch hochdeutsch geführt. Hier liegt der Wert bei 0,74. In den Vorlesetexten liegen die D-Werte der Sprecherinnen unterhalb bzw. sehr nah an der perzeptiven Wahrnehmungsgrenze der Standardsprachlichkeit. Diese ist von Lameli ermittelt und bei 0,2 festgesetzt worden. Wenn eine Sprachprobe einen D-Wert von weniger als 0,2 hat, kann man davon ausgehen, dass die Sprecherin als standardsprachlich wahrgenommen wird. Im Interview und Familiengespräch erhöht sich jeweils der D-Wert. Dies verweist auf eine Korrelation von sinkendem Formalitätsgrad der Situation und steigendem D-Wert. Diese Korrelation lässt sich dadurch erklären, dass die Sprecherinnen in den einzelnen Situationen aufgrund der unterschiedlichen Rahmenbedingungen nicht im gleichen Maß ihre Sprechweise kontrollieren. Beim Vorlesetext ist ein hohes Maß an Selbstkontrolle und somit eine gewisse Steuerung der eigenen Aussprache möglich. Im Interview und Tischgespräch nimmt diese Möglichkeit durch die spontane Interaktion der Gesprächspartner und die vorwiegende Konzentration auf die Gesprächsinhalte ab.

2. Annotationen

Der folgende kurze Ausschnitt aus der Sprachprobe einer Sprecherin aus Heeslingen/Nordhannover kann zeigen, welche Ergebnisse mit der Annotation von Interferenzen, Standarddivergenzen und Isomorphien gewonnen werden können.

Sprachprobe HEE01 (Heeslingen)

Die Sprachprobe ist durch einen kleinschrittigen Codewechsel und den Gebrauch von hochdeutscher Lexik gekennzeichnet. Es treten neben hochdeutschen Verben, Substantiven und Adjektiven auch Adverbien („da“), Pronomina („jeder“) und Konjunktionen („wie“) auf. Durchgehend niederdeutsche Formen finden sich hingegen im morphologischen Bereich, z.B. bei der Pluralbildung der Substantive („Lü“) und bei der Bildung des Partizips II ohne Präfix („stött“). Auf syntaktischer Ebene finden sich ebenfalls exklusiv niederdeutsche Merkmale. In diesem Ausschnitt fallen das fehlende pronominale Subjekt („kumms __“) und das getrennte Pronominaladverb, das neben der Vollform steht („dor ... twüschen“), auf. Die Sprecherin verwendet nur wenige exklusiv niederdeutsche Lexeme wie das Substantiv „Klock“. Der Eindruck von Mischeffekten wird verstärkt durch die isomorphen Elemente, die sowohl als hochdeutsche als auch als niederdeutsche Formen gewertet werden könnten, hier aber eindeutig niederdeutsch intendiert sind.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Eindruck einer starken Vermischung beider Sprachlagen bei intendiertem Niederdeutsch durch frequente lexikalische Einflüsse und ein kleinschrittiges Code-Switching hervorgerufen wird. Die Mehrheit der grammatischen Merkmale wie Flexionsformen zeigen kaum oder gar keinen hochdeutschen Einfluss. Das grammatische System erweist sich als intakt. Grammatische Stabilität steht neben lexikalischer Variabilität.