Teilprojekt 3: Dialekt/Standard-Variation in norddeutschen Alltagsgesprächen

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Im Folgenden finden Sie eine kurze Übersicht der Untersuchungen am Projektstandort Münster, die im Teilprojekts 3 "Dialekt/Standard-Variation in norddeutschen Alltagsgesprächen" durchgeführt werden.

Grundlagen Methode Beispielanalyse Ziele

Grundlagen

Der Projektstandort Münster befasst sich mit der genaueren Analyse von Wechseln zwischen niederdeutschem und hochdeutschem Sprachgebrauch innerhalb der Tischgespräche. Besonderes Interesse gilt hierbei gesprächsfunktionalen Aspekten sprachlicher Variation. Die Forschungsarbeit ist daher an der Schnittstelle zwischen Dialektologie und Gesprächsforschung angesiedelt. Grundlegende Annahme ist in diesem Zusammenhang, dass die variierende Verwendung unterschiedlicher Sprechweisen in aufeinanderfolgenden Sprechereignissen für die GesprächsteilnehmerInnen einen gewissen Signalwert besitzt. Dieser Signalwert ermöglicht es SprecherInnen, durch Wechsel der Sprechweise zwischen zwei Sprechereignissen etwa den Beginn eines neuen Gesprächsthemas oder die Adressierung eines bestimmten Gesprächspartners zusätzlich zu markieren, aber z.B. auch einer wiederholten Aufforderung besonderen Nachdruck zu verleihen. In der Gesprächsforschung spricht man in diesem Zusammenhang auch von ‚Kontextualisierung‘.

Methode

Um den variierenden Sprachgebrauch innerhalb der aufgezeichneten Tischgespräche aus einem gesprächsfunktionalen Blickwinkel betrachten zu können, ist eine besondere Art der Aufbereitung der Tonaufnahmen erforderlich. In einem ersten Schritt muss die Rede der untersuchten Sprecherinnen in einzelne Sprechereignisse unterteilt werden. Die mündliche Rede setzt sich aus kleineren, satzartigen Sprechereignissen zusammen. Diese zeichnen sich in erster Linie durch Rhythmus und Tonverlauf als geschlossene Einheiten aus und werden zumeist als ‚Intonationsphrasen‘ bezeichnet. Die ermittelten Intonationsphrasen werden in einem zweiten Schritt nach den Konventionen des gesprächsanalytischen Transkriptionssystems (GAT) transkribiert, und unter Berücksichtigung sprachlicher Unterscheidungsmerkmale als ‚HD‘ (hochdeutsch) bzw. ‚ND‘ (niederdeutsch) klassifiziert. Bei einer starken Durchmischung der sprachlichen Strukturen werden die jeweiligen Sprechereignisse mit dem Label ‚MIX‘ versehen. Bei Gesprächswörtern wie bspw. ah, oh, poah usw. kann eine Klassifizierung aufgrund mangelnder sprachlicher Identifikationsmerkmale generell nicht vorgenommen werden. Hier wird daher ein ‚?‘ notiert. Derart aufbereitete Sprachdaten werden schließlich mit Blick auf unterschiedliche funktionale Zusammenhänge analysiert.

Abbildung Sprechereignisse

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Komplette Aufnahme abspielen:   methode.mp3

Beispielanalyse

Das Vorgehen bei der Untersuchung gesprächsfunktionaler Zusammenhänge wird im Folgenden anhand eines Beispiels aus dem westmünsterländischen Südlohn kurz illustriert. Die Analyse bezieht sich auf das Sprachverhalten der Sprecherin Sp01. (Für den Fall, dass die Tondatei nicht abgespielt werden kann, ist die Transkription der Sprecherin Sp01 mit einer zusätzlichen lautlichen Umschriften nach den Konventionen des Internationalen Phonetischen Alphabets (IPA) versehen.)

Beispiel Kirchfahrt

Beispiel 'Kirchfahrt' (Westmünsterland)

hoerbeispiel-abbildung2.mp3 Aufnahme zur Abbildung "Beispiel 'Kirchfahrt' (Westmünsterland)"

Im angeführten Gesprächsausschnitt kommen neben der Sprecherin Sp01 auch deren Mutter (Sp03) und ihre Nachbarin (Sp08) zu Wort. Sp01 berichtet im Rahmen einer Erzählfolge über das Freizeitangebot für Grundschulkinder der örtlichen Kirchengemeinde. In dem zitierten Gesprächsausschnitt bedient sich Sp01 zunächst einer niederdeutschen Sprechweise, wechselt jedoch in Zeile 016 in ein eher hochdeutsches, jedoch noch stets regionalsprachlich geprägtes Register. Die Funktionalität des vorgenommenen Wechsels lässt sich u. a. mit Blick auf die Organisation des Rederechts näher analysieren. Während Sp01 zunächst über das Rederecht verfügt, leitet diese in Zeile 016 mit haddes dU dat jetz mitgekrIch mit !DEIN! (.) jüngeren kindern so- im Rahmen der Erzählung schließlich vom Kern der Erzählung in die folgende Evaluationsphase über und vollzieht gleichzeitig eine Fremdzuweisung des Rederechts. Der Wechsel in ein anderes sprachliches Register kann in diesem Zusammenhang zum einen als eine Art Anpassung an den Sprachgebrauch der Adressatin aufgefasst werden, da die adressierte Sprecherin (Sp08) die einzige Gesprächsteilnehmerin ist, die nicht über eine aktive Dialektkompetenz verfügt. Zum anderen wird durch den Wechsel aber auch der Übergang in die Evaluationsphase der Erzählung markiert. Das Beispiel zeigt daher deutlich den Zusammenhang zischen sprachlicher Variation einerseits und Gesprächstrukturen andererseits. Derartige Muster lassen sich in den aufgezeichneten Tischgesprächen an vielen Stellen beobachten.

Ziele

Im Rahmen der aktuellen Forschungsarbeiten befasst sich der Standort Münster insgesamt mit folgenden funktionalen Teilaspekten:

  • Rolle der sprachlichen Variation beim Adressieren spezifischer Personen mit unterschiedlichen Aktiv- bzw. Passivkompetenzen im Niederdeutschen
  • Sprachliche Variation beim Anbieten von Kaffee und Kuchen
  • Sprachliche Variation in Klatschsequenzen
  • Sprachliche Variation in Alltagserzählungen

Ein zentrales Ziel der Forschungsarbeit ist es, das Funktionsspektrum von Wechseln zwischen Niederdeutsch und Hochdeutsch in der alltäglichen Rede für den gegenwärtigen Sprachgebrauch in Norddeutschland zu erfassen und zu dokumetieren. Darüber hinaus gilt das Interesse aber auch der generellen Problematik der Zuordnung einzelner Sprechereignisse zu den Extrempolen ‚niederdeutsch‘ bzw. ‚hochdeutsch‘. In vielen Fällen sind die sprachlichen Strukturen so stark durchmischt, dass eine eindeutige Klassifizierung nicht möglich ist. Hinzu kommt, dass die von Seiten der Wissenschaftler vorgenommenen Kategorisierungen nicht zwingend mit denen der GesprächsteilnehmerInnen übereinstimmen müssen. Aus diesem Grund soll versucht werden, sich bei der Kategorisierung an Gebrauchsroutinen der Sprachbenutzer zu orientieren. Zu diesem Zweck werden derzeit mit statistischen Methoden anhand von Stichproben von jeweils 500 bis 600 Intonationsphrasen für ausgewählte Sprecherinnen aus unterschiedlichen Regionen wiederkehrende sprachliche Gebrauchsmuster ermittelt. Um derartige Gebrauchsmuster aufdecken zu können, werden relative Häufigkeiten für das gemeinsame Auftreten sprachlicher Merkmale (Kookkurrenzen) bemessen. So wird es schließlich auch möglich sein, regionale Unterschiede im Wechselverhalten systematisch zu beschreiben.