Objektbereich

Gegenstand der am Standort Bielefeld durchgeführten Untersuchungen sind die laikalen metasprachlichen Äußerungen der Gewährspersonen. Diese enthalten Informationen zur persönlichen oder durch andere vermittelte Spracherfahrungen und Sprachbewertungen sowie zu laienlinguistischen Wissensbeständen zu morphologischen, syntaktischen und lexikalischen Strukturen, zu phonetischen Auffälligkeiten, zu Sprachwandel- und Sprachersetzungsprozessen, zu Arealität, zu Sprachverschiedenheit, zu pragmatischen Gesichtspunkten u.v.a.m. Die elizitierten laikalen metasprachlichen Äußerungen sind unverzichtbare Interpretationshilfen bei der Auswertung objektsprachlicher Daten und ermöglichen darüber hinaus Darstellungen und vergleichende Analysen:

  • von Erwerbs-, Verlust- und Erhaltungsprofilen des Niederdeutschen sowie Erwerbsprofilen der hochdeutschen Standardvarietät
  • von Sprechertypologien sowie sprachlichen Orts- und Regionalprofilen
  • von Sprachgebrauchspräferenzen von Basisdialekt, Standarddeutsch und dazwischen liegenden Sprachlagen in verschiedenen Domänen und unterschiedlichen Situationen
  • von Einstellungen zu den einschlägigen Varietäten und Sprachlagen und ihren Sprachbenutzern
  • von sprachlichen Auto- und Heterostereotypen

Für die Analyse der erhobenen der ca. 16 000 laikalen metasprachlichen Äußerungen wurde auf inhaltsanalytischer Grundlage ein Annotationswerkzeug entwickelt, das eine Zuordnung einschlägiger Äußerungen zu verschiedenen Inhaltskategorien ermöglicht. Auf dieser Basis können sodann je nach Fragestellung unterschiedliche Subkorpora gebildet werden und z.B. alle Äußerungen der Gewährspersonen zur sprachlichen Sozialisation in einem Subkorpus gespeichert werden.

Die aus den metasprachlichen Äußerungen zu erschließenden laikalen metasprachlichen Wissensbestände wurden unter wissenstypologischen und wissenssoziologischen Gesichtspunkten untersucht. Wissenstypologisch wird in einem ersten Schritt zwischen explizitem metasprachlichem Wissen und metasprachlichem Gewohnheitswissen unterschieden. Ersteres manifestiert sich z.B. in der Kenntnis der Wortarten, letzteres in dem jeder Äußerung zuzuordnen metasprachlichen Begleitbewusstsein, das zwar in der Regel implizit bleibt und sich, wenn expliziert, meist in Richtigkeits- und Akzeptabilitätsurteilen erschöpft, ohne dass Probanden ihre Bewertungen auch nur halbwegs erschöpfend begründen können. Unter wissenssoziologischen Aspekten ist metasprachliches Wissen nach drei Kategorien einzuteilen: dem fachwissenschaftlichen, dem laienlinguistischen Wissen der Hobby-Linguisten sowie dem laikalen Wissen der überwiegenden Mehrheit der Sprecher, für die Sprache nicht im Fokus des Interesses steht. Dieses soziologisch unterschiedliche Wissen ist in jeweils unterschiedliche Diskurse eingebettet und durch die dort herrschenden Anforderungen wie der an das Maß an Genauigkeit geprägt. Im SiN-Projekt steht zwar das laikale Wissen im Mittelpunkt der Betrachtung, die Bestände des fachwissenschaftlichen und des laienlinguistischen Wissens dürfen aber nicht unberücksichtigt bleiben, weil deren Wissensbestände mitunter ins laikale Wissen diffundieren.

Die am Standort Bielefeld entwickelte Sprechertypologie beruht auf den in den Erhebungen elizitierten Wissensbeständen und rückt somit von der in der Dialektologie vorherrschenden Einteilung der Sprecher nach diatopischen Gesichtspunkten, also nach Orten und Regionen, ab. Die auf dieser Grundlage ermittelten Sprechertypen werden zwar in einem ersten Schritt durch ihre metasprachlichen Wissensbestände, in einem zweiten Schritt jedoch unter Hinzuziehung von objektsprachlichen und perzeptionssprachlichen Daten sowie mentalen Landkarten umfassend charakterisiert.

Bezug zum Gesamtkorpus

Innerhalb des SiN-Korpus (vgl. Datenerhebungs- und -aufbereitungsphase) finden sich laikale metasprachliche Äußerungen zwar zuvörderst in den erhobenen Sprecherbiographien, sie lassen sich aber auch in anderen Teilen des Korpus in unterschiedlicher Frequenz, Verteilung und Dichte nachweisen wie z.B. in den Tischgesprächen und den Kommentaren zu den Übersetzungsaufgaben und der Testbatterie.

Analyseinstrumentarium

Zum Auffinden und zur Analyse einschlägiger Äußerungen wurde ein spezielles, auf inhaltsanalytischen Verfahren basierendes Werkzeug entwickelt und in einem zweiten Schritt digital umgesetzt. Wichtigstes Strukturmerkmal des Instruments sind hierarchisch geordnete Kategorien, denen die einschlägigen metasprachlichen Äußerungen zuzuordnen und die zum Zwecke der Annotation dieser Äußerungen mit Siglen versehen sind. Die Annotation erfolgte mit Hilfe des EXMARaLDA Partitur Editors, welcher die Möglichkeit bietet, eigene Tagsets zu erstellen und in einem Annotation Panel für die Annotation zu nutzen.

Die folgende Graphik zeigt einen Ausschnitt des Annotation Panels und verdeutlicht die hierarchische Struktur des Tagsets. So beinhaltet die Oberkategorie Fokus bspw. die Kategorien Eigen, Fremd und Allgemein, welche erfassen, auf wen sich ein metasprachlicher Kommentar bezieht - auf die Gewährsperson selbst, eine andere Person oder die Allgemeinheit (vgl. Vorstellung der Oberkategorien in den folgenden Abschnitten).

Annotationswerkzeug des EXMARaLDA Partitur Editors.png

Ausschnitt des Annotationswerkzeugs des EXMARaLDA Partitur Editors
(Beispiele und wichtigste Indikatoren für eine Kategorie werden im unteren Abschnitt angezeigt)

Die Zuordnung von metasprachlichen Äußerungen zu bestimmten Kategorien erfolgt in der Regel durch die in diesen Äußerungen enthaltenen sprachlichen Indikatoren wie z.B. verba dicendi, nomina propria für natürliche Sprachen und lokale oder temporale Adverbien. Zumeist ermöglichen allerdings erst Indikatoren-Cluster eine sichere Zuordnung. Schließlich sind bei der Analyse von komplexen metasprachlichen Äußerungen einzelne Kategorien ggf. mehrfach anzuwenden.

Ausgegangen wird von fünf Oberkategorien, denen weitere Kategorien hierarchisch untergeordnet sind. Es sind dies: Fokus, Epistemischer Status, induzierte Äußerungen, Thematischer Bereich, Thema.

Fokus

Definition: Referenz auf Personen und ihre metasprachliche Wissensbestände.

Unterkategorien: eigen, fremd und allgemein.

Leistung: Klärung der Frage, ob für eine Gewährsperson noch eine gelebte, auf eigener Erfahrung beruhende Beziehung zum Niederdeutschen besteht oder ob es sich hier nur um eine vermittelte Erinnerungskultur handelt.

Epistemischer Status

Definition: Epistemischer Status einer metasprachliche Äußerung aus der Perspektive einer Gewährsperson.

Unterkategorien: Wissen, Glauben, Nicht-Wissen, Unbestimmt.

Leistung: Beantwortung der Frage, also ob es sich bei einer metasprachlichen Äußerung um Tatsachenbehauptungen oder um eine Äußerung mit einer epistemischen Vagheitsmarkierung handelt. Die Kategorisierung gibt Auskunft darüber, ob und wenn ja mit welcher Stabilität metaprachliches Wissen im Wissensbestand einer Gewährsperson verankert ist.

Induzierte Äußerungen

Definition: Metasprachliche Äußerungen, die durch die Stimuli eines Tests und/oder durch Suggestivfragen und –Äußerungen des Explorators evoziert werden.

Leistung: Erhebung von Äußerungen zur Erhebungssituation seitens der Gewährsperson. Äußerungen dieser Art sind Teil des Interpretationsrahmens bei der Dateninterpretation.

Thematischer Bereich

Definition: Allgemein gehaltenes Themenfeld, welchem eine metasprachliche Äußerung zuzuordnen ist.

Unterkategorien: Sprachgebrauch, Sprachliche Sozialisation, Sprachwandel, Sprachbewertung, Arealität,Sprachnorm oder Grammatische Phänomene (im weitesten Sinne) u.a.m.

Spezifische Leistungen entsprechend den Unterkategorien. So erlauben z.B. unter der Kategorie Sprachliche Sozialisation Äußerungen die Rekonstruktion von Spracherwerbsbiographien, die sowohl unter individuellen als auch unter vergleichenden Gesichtspunkten untersucht werden können.

Thema

Definition: Im Vergleich zur Kategorie Thematischer Bereich spezifiziertes Themenfeld, welches je nach Äußerung einer Unterkategorie des Thematischen Bereichs zuzuordnen ist.

Analysebeispiel

Auszug aus dem Annotationshandbuch:


Arealität (ThbArl). Äußerungen zur Arealität realisieren notwendigerweise den Topos des Ortes.

Wichtigste Indikatoren:
  • Ortsadverbien wie hier oder dort
  • Toponyme verschiedener Art wie z.B. Städtenamen, Landschaftsnamen oder Landesnamen
  • Nomina propria für Sprachen und sprachliche Varietäten
  • Objektsprachliche Einheiten

Beispiel: In Dortmund sagen sie ‚woll’, und hier sagen sie ‚ne’.


Wie bereits erwähnt erfolgt die Annotation relevanter Textstellen mit Hilfe des EXMARaLDA Partitur Editors, welcher es erlaubt, eigene Tagsets anzulegen. In obigem Beispiel der Arealität wurde das Tag ThbArl verwendet, welches die Information zur Oberkategorie Thematischer Bereich (Thb) und der Kategorie Arealität (Arl) selbst enthält.

Ein Beispiel für eine Annotation des Thematischen Bereichs Arealität ist in der folgenden Graphik abgebildet (fahren Sie mit der Maus über einzelne Bereiche der Graphik, um detaillierte Informationen zu erhalten):

Annotation von Arealität im EXMARaLDA Partitur Editor

"ne also wir hier sagen ik mik und im Raum Wietzendorf da sagen die i mi also die lassen einfach das k weg"
Annotation eines metasprachlichen Kommentars im EXMARaLDA Partitur Editor

Zum späteren Wiederauffinden und zur Analyse der Annotation bietet das System EXMARaLDA mit EXAKT (EXMARaLDA Analyse- und Konkordanztool) ein weiteres sehr nützliches Werkzeug, mit dessen Hilfe sich komplexe Suchanfragen formulieren lassen und Kombinationen von Transkriptionen und Annotationen auffinden lassen, die quantitativ und qualitativ ausgewertet werden können.

Personen- und Typusprofile

Die Personenprofile werden auf der Basis der Äußerungen der Gewährspersonen im sprecherbiographischen Interview, während des Tischgesprächs und aufgrund der Kommentare zu einzelnen Stimuli der Testbatterie erstellt. In einem zweiten Schritt werden die Personenprofile miteinander verglichen und zu Sprechertypen gebündelt. Die Typusprofile werden sodann zu den erhobenen demographischen Daten, den Ergebnissen der Testbatterie, den mentalen Landkarten und markanten objektsprachlichen Charakteristika in Bezug gesetzt.

Die Äußerungen der Gewährspersonen werden elf Variablen und innerhalb dieser Variablen verschiedenen Varianten zugeordnet. Die Variablen begründen sich nach fachwissenschaftlichen Kriterien, die Varianten wurden z.T. aus dem Material gewonnen. Ein hohes Maß an gemeinsamen Ausprägungen mit einem Prototypen bei fünf Hauptvariablen konstituiert den Sprechertypus, also z.B. den aus Gewährspersonen unterschiedlicher regionale Herkunft bestehenden Typus A mit EMS-LAE02 als Prototypus. Eine dieser Variablen ist der Spracherwerb, eine andere die Variable Sprachgebrauch/Formalitätsgrad. Die folgenden Tabellen zeigen, wie sich die Ausprägungen für den Typus A aus den Äußerungen der Gewährsperson erschließen.

Tabelle 1

Hinsichtlich der Variablen Spracherwerb zeigt sich der Typus als außerordentlich homogen. Etwas anders sieht dies mit Hinblick auf die Variable Sprachgebrauch/Formalitätsgrad. Diese misst den Gebrauch der standardfernsten Sprechlage in Situationen unterschiedlichen Formalitätsgrades. Im Falle des Typus A ist dies durchgängig das Niederdeutsche, bei Gewährspersonen anderer Sprechertypen z.B. ein lokal oder regional geprägtes Hochdeutsch, aber auch ggf. Niederdeutsch. Auch die folgende Tabelle beruht allein auf den einschlägigen Äußerungen der Gewährspersonen. Es bleibt jedoch offen, ob sie sich tatsächlich entsprechend verhalten.

Tabelle 2

Hier zeigt sich der Typus mit lediglich zwei Ausreißern zwar weniger homogen als im Falle des Spracherwerbs, dennoch ergibt sich ein relativ homogenes Bild.

Auf der Basis des hier exemplarisch angedeuteten Vorgehens ergeben sich elf Sprechertypen mit einem unterschiedlichen Profil. Dabei vereinigen sich in einigen Fällen Gewährspersonen aus dialektstarken oder zumindest relativ dialektstarken Regionen zu einem Typus wie im Falle von Typus A, in anderen Fällen konstituieren Sprecher aus dialektschwachen bzw. praktisch dialektfreien Regionen den Typus, in wieder anderen solche Probanden aus Regionen sehr unterschiedlicher Dialektstärke. Zählt man allein die Anzahl der elizitierten Äußerungen und differenziert diese nach thematischen Bereichen wie z.B. die sprachliche Sozialisation, so zeigt sich, dass bei Sprechertypen mit einem hohen Anteil von Gewährspersonen aus dialektstarken Regionen die Anzahl der metasprachlichen Äußerungen tendenziell höher liegt als im Falle von Sprechertypen mit einem hohen Anteil an Gewährspersonen aus dialektschwachen bzw. praktisch dialektfreien Regionen.

Einzelanalysen

Die Zuordnung einer laikalen metasprachlichen Äußerung zu einer bestimmten Variante einer Variablen resultiert unvermeidbar auf einer mehr oder minder starken inhaltlichen Reduktion. Mit einer solchen Zuordnung ist somit die Interpretation einer Äußerung oftmals bei weitem nicht erschöpft. Dazu zwei Beispiele aus dem thematischen Bereich metasprachliches grammatisches Wissen. Das erste wird nach den in der Sprechertypologie vorgesehenen Kategorien auf metasprachliches grammatisches Wissen, zutreffend, das zweite auf den Befund metasprachliches grammatisches Wissen, nicht zutreffend reduziert. Beide enthalten jedoch zahlreiche Implikationen, die so nicht erfasst werden.

Eine Gewährsperson aus Rödinghausen (Krs. Herford) äußert sich im sprecherbiographischen Interview u.a. wie folgt:

[Nicht weit von hier gibt es das] hannoiversken Platt, was wieder in diesen Niedersachsenbereich geht. Mein Vater erzählte mir heute Mittag noch: bei uns heißt ‚Leiter‘ ‚Leddern‘, und dort heißt das ‚Biawe‘. Es ist also ganz was anderes, was man überhaupt nicht in Verbindung bringen würde so wie ‚Leiter‘ und ‚Leddern‘.

Rödinghausen liegt im Kreis Herford, also in Nordherein-Westfalen, hart an der Landesgrenze nach Niedersachsen. Diese Grenze war bis 1866 die Grenze zwischen Preußen und dem Königreich Hannover, also eine Staatsgrenze und nicht eine Landesgrenze wie heute. Diese historische Gegebenheit ist im Bewusstsein breiter Bevölkerungskreise nach wie vor präsent. Daher spricht die Gewährsperson auch vom hannoiversken Platt und bezieht sich damit nicht auf die Stadt Hannover sondern auf das in nächster Nähe angrenzende Land Niedersachsen, also im speziellen Fall auf das Territorium des ehemaligen Königreichs Hannover, das in das Land Niedersachsen nach dessen Gründung aufgegangen ist.

In der von ihr zitierten Bemerkung ihres Vaters geht es, wie so häufig im laikalen metasprachlichen Diskurs, um eine lexikalische diatopische Differenz. Die darin enthaltene Behauptung ist korrekt und entspricht den einschlägigen Einträgen im Westfälischen Wörterbuch. Ebenfalls korrekt ist der von der Gewährsperson erwähnte etymologische Zusammenhang zwischen Leiter und Leddern. Charakteristisch für eine dialektschwache Region wie Ostwestfalen-Lippe ist dabei, dass sich die Gewährsperson des Autoritätstopos bedient und sich dabei auf die Person der älteren Generation bezieht.

Das zweite Beispiel greift eine Behauptung einer Gewährsperson aus Marienmünster, im südlichen Teil Ostwestfalens gelegen, während des Tischgesprächs auf:

Die Skandinavier haben doch sowieso ein Mischmasch aus allen Sprachen. da ist auch ein am Stück Deutsch drin, wenn die sprechen.

Die Behauptung, die skandinavischen Sprachen seien ein Mischmasch aus anderen Sprachen, ist unter fachwissenschaftlichen Gesichtspunkten zwar nicht haltbar, zumal sich diese Sprachen bereits typologisch von den westgermanischen Sprachen deutlich unterscheiden. Allerdings hat die Probandin offensichtlich recht gut zugehört und erkannt, dass im lexikalischen Bereich zahlreiche deutschsprachige Kontakterscheinungen nachweisbar sind. Diese sind, was die Gewährsperson erwartungsgemäß nicht wissen kann, bekanntlich überwiegend dem Kontakt mit dem Mittelniederdeutschen geschuldet, wie z.B. mnd. rathus – schw. rådhus, mnd. werkstede – schw. verkstad oder mnd. stevel – schw. stövel deutlich zeigen.