Datengrundlage

Datengrundlage für das Potsdamer Teilprojekt sind die Ergebnisse verschiedener wahrnehmungsbasierter Tests, die mit den Gewährspersonen (GP) von 2007 bis 2010 durchgeführt wurden. Ziel dieser Tests ist es, subjektive Prozesse beobachtbar zu machen, die der Sprachpraxis der GP steuernd zugrunde liegen, derer sich die GP aber nur zum Teil bewusst sind.

Die Testbatterie

Zunächst wurden den GP kurze Sätze vorgespielt, die Varianten zum gesprochenen Hochdeutsch aufwiesen. Die GP wurden gebeten, auf sprachliche Auffälligkeiten in den gehörten Sätzen zu achten und ihren Eindruck anschließend möglichst genau zu beschreiben.

„Gleich hören Sie vom Tonband nacheinander eine Reihe von Sätzen. Viele, aber nicht alle dieser Sätze weichen entweder bei den Wörtern oder im Satzbau vom Hochdeutschen ab, wie es z.B. von Sprecherinnen und Sprechern der Nachrichten gesprochen wird. Bitte geben Sie an, wo genau Ih­rer Meinung nach diese Abweichungen zu finden sind.“

Beispielsätze aus dem Salienztest

audio1.mp3 Gestern war das Wedder noch schlechter. Satz anzeigen

audio2.mp3 Ist Dir jemand gefolcht? Satz anzeigen

audio3.mp3 Das war nicht besonders lustik. Satz anzeigen

audio4.mp3 Bekomme ich noch eine Tasse Kaffe? Satz anzeigen

audio5.mp3 Kann ich noch ein Glass Wein bekommen? Satz anzeigen

audio6.mp3 Den Keese hat er im Supermarkt gekauft. Satz anzeigen

Dieser Salienztest zeigt, ob die Gewährspersonen die Abweichungen vom Standard wahrnehmen – und wenn ja, wie diese Abweichungen, benannt, beschrieben oder einfach nachgesprochen werden und ob sie durch nonverbale Reaktionen wie Lachen begleitet und evtl. kommentiert werden. Die als auffällig wahrgenommen Varianten sollten in einem zweiten Schritt Situationen unterschiedlichen Formalitätsgrades zugeordnet werden. Aus dieser Zuordnung wird erkennbar, ob sie diese Variante nie, nur in informellen oder aber auch in halbformellen oder formellen Situationen verwenden würde (Situativitätstest).

In welcher Situation würden sie ein Wort, so wie sie es jetzt gleich hören, nicht verwenden?
a) ...nicht verwenden in einer formellen Situation vor Gericht
b) ...nicht verwenden in einer halbformellen Situation im Reisebüro gegenüber einer unbekannten Person
c) ...nicht verwenden in einer informellen Situation in der Familie
d) weder – noch, ich würde es in keiner Situation verwenden“

In einem letzten Schritt sollten die GP angeben, ob sie diese Variante korrigieren würden, sollte sie von ihrer Tochter oder ihrem Sohn in einer halbformellen Situation (z.B. Rede im Sportverein) verwendet werden (Normativitätstest).

„Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter/Ihr Sohn, etwa 20 Jahre alt, bekommt in ihrem/seinem Ver­ein eine Auszeichnung für ihre/seine Leistungen und soll im Rahmen eines Vereinsjubiläums, bei dem auch die regionale Presse anwesend ist, nun ein paar Worte dazu sagen. Sie/er kommt zu Ihnen und fragt Sie: „Ich soll da eine Rede halten, kann ich das so sagen?“ Bitte sagen Sie uns, ob und wenn ja aufgrund welcher Wörter oder welcher Ausdrücke Sie ihre Tochter/ ihren Sohn korrigieren würden.“

Die Kombination aller drei Tests erlaubt es, Genaueres über Spracheinstellungen, Sprachwissen und Spracherfahrungen der GP sowie deren Bewertung von Sprache zu erfahren. So lässt die Korrelation von Salienz- und Situativitätstest z.B. Rückschlüsse darauf zu, ob die Variante deshalb als auffällig wahrgenommen wurde, weil sie für die GP völlig ungebräuchlich ist oder aber als lokale Besonderheit von der GP selbst nur in informellen Situationen verwendet wird und als Form, die vom Hochdeutschen abweicht, betrachtet wird.

Das Bild wird allerdings erst vollständig – oder möglicherweise korrigiert, wenn diese Daten mit den biographischen Auskünften aus den strukturierten Interviews (Teilprojekt 4, Bielefeld) und dem tatsächlichen Sprachgebrauch in unterschiedlichen Situationen (Produktionsdaten) aus den Teilprojekten 1 und 2 korreliert werden.

Auswertung der transkribierten Produktionsdaten

Auswertung der transkribierten Produktionsdaten
Die Transkripte werden mit Annotationen versehen, die anschließend die Analyse unterschiedlicher sprachlicher Phänomene ermöglichen

Die Daten aus den Salienz-, Situativitäts- und Normativitätstests aller GP lassen sich je nach Fragestellung unterschiedlich aufbereiten. So liefert eine personenbezogene Auswertung Hinweise auf unterschiedliche Sprecherinnenprofile, die in Verbindung mit biographischen Daten und kommentierenden Äußerungen während des Interviews und der Tests Antworten auf die Frage geben können, wie Sprachgebrauch und Spracheinstellungen mit Sprachwissen und Spracherfahrungen einer Person zusammenhängen. Eine orts- und regionsbezogene Darstellung lässt räumliche Vergleiche zu und erlaubt damit, die Auswirkungen unterschiedlicher, sprachhistorisch entstandener Sprachverhältnisse, hier vor allem der Konstellationen zwischen Standardsprache, regionalen Umgangssprachen und Dialekten, auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung sprachwissenschaftlicher Laien zu ermitteln.

Untersuchungsgebiet und Regionsbezogene Clusteranalyse

Überblick über das Erhebungsgebiet (links) und regionsbezogene Clusteranalyse der Testdaten (rechts)

Das Diagramm in Gestalt eines phylogenetischen Baumes macht Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Testergebnissen der Erhebungsregionen sichtbar, z.B. die starke Ähnlichkeit zwischen den Regionen MV (Mecklenburg-Vorpommern) und DT (Dithmarschen) (rote Ellipse rechts unten), in denen die getesteten Merkmale mehrheitlich salient sind und dabei als auch in formellen Situationen gebräuchlich (hohe Situativtät) und nicht korrekturbedürftig (niedrige Normativität) eingestuft werden.

Eine dritte Dimension ist die merkmalsbezogene Betrachtung. Merkmale sind entweder phonologische, morphologische oder syntaktische Varianten zum Hochdeutschen, die regional oder überregional auftreten. Es wurde schnell deutlich, dass die verschiedenen Merkmale, bezogen auf die Daten aller GP, unterschiedlich stark salient sind. Manche werden häufig nicht gehört, weil der Kontrast zur hochdeutschen Form gering ist, wie z.B. in kinner (Kinder), oder weil die Variante allgemein zur Alltagssprache in Norddeutschland gehört wie etwa die Vokalisierung von auslautendem –r in bruda (Bruder). Andere hingegen sind fast immer salient wie etwa kopp (Kopf).

Die Ergebnisse zeigen auch, dass Varianten wie das/dat/, dit/det, berch/berg oder kaffe/kaffee nicht nur regional unterschiedlich verteilt sind, sondern auch situativ gebunden sind. Während für GP aus Brandenburg berch ungebräuchlich ist und deshalb auch als abweichend beurteilt wird, wird kaffe zumindest für in- und halbformelle Situationen akzeptiert. In Westfalen hingegen ist berch die vertraute Form und man trinkt doch lieber kaffee als kaffe. Der subjektive Faktor, den wir mit diesen Tests sichtbar machen, ist mitentscheidend für die Sprachwahl, d.h. die Entscheidung, welche der verfügbaren Varianten beim Sprechen verwendet wird. Daraus lassen sich Prognosen über die weitere Entwicklung des Varietätenspektrums in einer Region ableiten.

Dendogramm Clusteranalyse

Dendrogramm einer Clusteranalyse zum merkmalsbezogenen Vergleich zwischen Brandenburg (b) und Westfalen (w)
Im vorausgehenden Abschnitt wird Bezug genommen auf die Elemente „Berc“ (berch) und „Kaff“ (kaffe) und ihre Zuordnung zu den beiden Hauptclustern

Mental Maps

Zu den wahrnehmungsdialektologischen Methoden gehört auch das Anfertigen von ‚mental maps’. Diese aus der Humangeographie bekannte Methode visualisiert subjektive Raumvorstellungen. Wir haben unsere GP gebeten, auf Karten des Untersuchungsgebiets die Verbreitung einiger Varianten einzutragen, die teilweise an allen Erhebungsorten (‚überregionale Merkmale’), teilweise nur an einzelnen Erhebungsorten (‚regionale Merkmale’) abgefragt wurden. Die auf Folien festgehaltenen Zeichnungen, in der Regel eine Art ‚Kringel’, wurden als Polygone digitalisiert und mit Hilfe eines Geoinformationssystems georeferenziert, d.h. nach geographischer Lage und Fläche bestimmt. Auf diese Weise können die Vorstellungen unserer GP über die Verbreitung einzelner Varianten nach verschiedenen Gesichtspunkten ausgewertet werden. So lassen sich z.B. die mental maps aller GP für die Variante dat virtuell übereinander stapeln und auf der Grundkarte des Untersuchungsraums farbig darstellen.

Gesamtverteilung Merkmal 'dat' und Überlagerungen

Überlagerungskarte aller Mental Maps zum Stimulus 'dat' (links) und räumliche Darstellung (rechts)
In rot (und als ‚Gipfel’ in der 3D-Darstellung) erscheinen Regionen, in denen sich die Zeichnungen besonders vieler Gewährspersonen überschneiden, hier vor allem der Hamburger Raum sowie etwas weniger prominent das Ruhrgebiet

Dieses Ergebnis ist insofern aufschlussreich, als die dialektgeographischen Befunde die regionalsprachliche (nicht dialektale) Variante dat nur für den Niederrhein und Berlin, aber nicht für das Gebiet um Hamburg nachweisen, mit anderen Worten, hier unterscheiden sich fachwissenschaftliche Beschreibungen und Urteile von Laien. Um die Gründe für derartige, mit den aktuellen Sprachverhältnissen anscheinend nicht übereinstimmende Kartierungen herauszufinden, bietet sich eine detailliertere Auswertung der mental maps an. Zunächst lässt sich prüfen, ob der Wohnort der GP innerhalb oder außerhalb des eingezeichneten Verbreitungsgebiets liegt. Diese Differenzierung nach ‚autochthonen’ und ‚allochthonen’ Karten sagt uns, ob die GP die jeweilige Variante in ihrer Umgebung verortet, also aus der täglichen Spracherfahrung kennt, oder aber nur von Ferne, durch Reisen, Besuche von Verwandten oder Freunden, über Medien oder vom ‚Hörensagen’ die Vorstellung entwickelt hat, dass die betreffende Form in einer betreffenden Region verwendet wird. Dieses ‚hier’ und ‚dort’ lässt sich in Verbindung mit den Ergebnissen der Salienz- und Situativitätstests auch als ‚eigene’ und ‚fremde’ sprachliche Form interpretieren, zudem können die Produktionsdaten der betreffenden GP, vor allem jene aus dem informellen Tischgespräch, uns sagen, ob die GP oder ihre Gesprächspartner diese Form verwenden.

Die Flächengröße der Kartierungen gibt uns zum einen Hinweise darauf, ob die GP einzelne Varianten eher kleinräumig, möglicherweise auf Grund genauerer Kenntnisse, oder großräumig verorten, zum anderen wird die räumliche Ausdehnung der verschiedenen Varianten im Vorstellungsraum vieler GP sichtbar. Auch hier können also die mentalen Kartierungen von Varianten mit dialektgeographischen Befunden und ihrer räumlichen Verteilung auf Grundlage der Produktionsdaten verglichen werden. Dadurch können wir Varianten als lokal, regional oder überregional imaginierte Sprachformen identifizieren, was möglicherweise Rückschlüsse auf Umstrukturierungsprozesse im Varietätenraum Norddeutschlands zulässt, vor allem dann, wenn ergänzend auf historische Untersuchungen zur gesprochenen Sprache zurückgegriffen werden kann.

NH-OTT03: 'Kaffe' und ML-WET01: 'Kaffe'

Beispiele für autochthone (l.) und allochthone (r.) Karten
(in gelb ist die Zeichnung der jeweiligen Gewährsperson (z.B. NH-OTT03) dargestellt, der rote Punkt markiert den Erhebungsort)

DT-WES01: 'Kaffe' und HO-LUE02: 'Kaffe'

Beispiele für lokale (l.) und großräumige (r.) Karten
(in gelb ist die Zeichnung der jeweiligen Gewährsperson (z.B. NH-OTT03) dargestellt, der rote Punkt markiert den Erhebungsort)

Ebenso wie die Ergebnisse der drei übrigen Tests lassen sich auch die mental maps personen-, orts-, regions- und merkmalsbezogen betrachten. Werden sie mit den Testergebnissen korreliert, lassen sich die räumlichen Vorstellungen der GP als Teil ihres sprachlichen Wissens mit den Bewertungs- und Einstellungsfaktoren, wie sie in den Tests ermittelt wurden, verbinden. Zusätzlich bieten Kommentare und Reaktionen beim Zeichnen der Karten Hinweise für die Interpretation.

Dieser wahrnehmungsdialektologisch ermittelte ‚subjektive Faktor’ kann nun mit den Ergebnissen der anderen Teilprojekte korreliert werden. Die inhaltsanalytische Auswertung der Interviews und der Kommentare während der Testgespräche, die in Bielefeld und Potsdam vorgenommen wurden, gibt uns genauere Auskunft darüber, auf welcher kognitiven, evaluativen und emotiven Grundlage die Antworten der GP in den verschiedenen Tests erfolgten. Die Produktionsdaten zeigen uns, wie die GP in unterschiedlichen Situationen sprechen und lassen so das Verhältnis von Selbstwahrnehmung zu eigener Sprachpraxis erkennbar werden. Die in Hamburg vorgenommenen Dialektalitätsmessungen zeigen uns den ‚Abstand’ individueller alltagssprachlicher Sprechweisen zum Hochdeutschen und damit auch Art und Umfang sprachlicher Kompetenz, d.h. die Fähigkeit, sprachliche Variation in unterschiedlichen Kontexten und Situationen einzusetzen. Das Potsdamer Teilprojekt ermittelt die subjektiven Faktoren, die diese Sprachpraxis steuern, das Bielefelder Teilprojekt zeigt, wie sich Spracheinstellung, Sprachbewertung, Sprachwissen und Sprachkompetenz biographisch herausgebildet haben.

Über solche Korrelationen hinaus ist aus Potsdamer Sicht für weitergehende Analysen besonders interessant, dass die GP im Laufe der Tests beginnen, sich selbst und die Interventionen der Exploratoren zu beobachten. Der Grad ihrer Reflexion über die Testaufgaben und die an sie herangetragenen Fragestellungen erhöht sich. Diese Veränderungen sind nur durch eine sorgfältige Interpretation der Interaktionsverläufe zu fassen und lassen sich kaum quantifizieren. Im Potsdamer Teilprojekt können wir diesen wichtigen und spannenden Aspekt unserer Untersuchung nur im Ansatz berücksichtigen. Die gut aufbereiteten und dokumentierten Daten aus dem SiN-Projekt ermöglichen, hier in Zukunft weitere Studien anzuschließen.